16. History-Tour im Kreis Groß-Gerau: Stock und Stein

Frühe Burgen, sogenannte Motten wurden oft in Mischbauweise (Holz und Stein) errichtet. Auch im Kreisgebiet standen einst Niederungsburgen dieser Art. (Zeichnung: © Gerold Reichenbach)

Die 16. History Tour des Bundestagsabgeordneten Gerold Reichenbach unter Schirmherrschaft des Historikers und Germanisten Prof. Dr. Ernst Erich Metzner stand in diesem Jahr unter dem Motto "Stock und Stein". Das Motto leitet sich von dem alten Sprichwort "Über Stock und Stein" ab.

Diese Sprichwort bezieht sich auf die unterschiedlichen Wegeformen, die es früher gab, Knüppeldämme (Stock) und gepflasterte oder geschotterte Straßen (Stein). Die Unterscheidung verweist aber auch auf die grundsätzlich unterschiedlichen Bauweisen. Ursprünglich bauten die Germanen in Holz-, die Römer aber überwiegend in Stein- oder Ziegelbauweise. Neben der Fortführung dieser unterschiedlichen Bauweisen etwa im Fachwerkbau und im Steinbau von Herrenhäusern entstanden auch Mischbauweisen, etwa bei frühen Burgen oder bei repräsentativen Bauten reicher Bürger und Bauern oder bei Rathäusern. 

Beispielhaft dafür stehen Ergebnisse neuester archäologischer Untersuchungen zu einer spätrömischen "Villa Rustica" bei Kelsterbach, einer spätrömischen Hafenanlage bei Astheim und einer mittelalterlichen Niederungsburg bei Wolfskehlen. Die dort nachgewiesenen germanisch römischen oder mittelalterlichen Holz- und Steinbauten sind Zeugen der reichen Siedlungsgeschichte in unserem Kreis.

Die Stationen der History Tour 2016

Dritte Station: Die Niederungsburg Neu Wolfskehlen

Ein Rekonstruktionsversuch der Niederungsburg Neu-Wolfskehlen von ©Jörg Lotter

Zur dritten Station der History Tour konnten SPD-Ortsvereinsvorsitzender Landtagsabgeordneter Gerald Kummer und MdB Gerold Reichenbach zahlreiche Teilnehmer am südwestlichen Ortsrand von Wolfkehlen begrüßen. Dort, wo einst die Niederungsburg „Neu-Wolfskehlen“ in einer ehemaligen Neckarschleife am heutigen Scheidgraben stand. Mit von der Partie waren auch Prof. Ernst-Erich Metzner, Schirmherr der History Tour, so wie Landrat a.D. Willi Blodt.

Nach einer kurzen Einführung in das diesjährige Thema „Stock und Stein“ durch Gerold Reichenbach begrüßte Adelheid Reinhard, die Vorsitzende des Wolfskehler Heimat- und Geschichtsvereins, die Gäste und leitete zu den Referenten über.

Zunächst stellte Ursula Fraikin vom Heimat- und Geschichtsverein das historische Umfeld sowie die Geschichte der Herren von Wolfskehlen vor. Urkundlich nachweisbar ist als erster ein Ger(h)ardus de Wolfskehlen, der 1184 bis 1192 genannt wird und Vogt des Kloster Eberbach in Leeheim war. Sein Sitz war die Niederungsburg Alt-Wolfskehlen, deren einstige Lage im südlichen Haken des Rallbruches heute noch durch das Hofgut „Burghof“ gekennzeichnet ist. Sie war als so genannte Motte ausgeführt, die aus der auf einem künstlichen Erdhügel errichteten Kernburg oder Hochburg sowie einer ebenfalls durch Graben und Palisaden geschützten oder auch unbefestigten Vorburg bestand.

Die beiden ältesten Söhne des Gerardus behielten dann die alte Burg, die weiter "Stammsitz" des Geschlechts blieb, während zu Beginn des 13: Jhd. drei der jüngeren Söhne mit „Neu-Wolfskehlen“ gemeinschaftlich einen neuen Rittersitz erbauten, der in der sumpfigen und von einem Wasserlauf durchströmten Altneckarschleife als eine Art „Wasserburg“ ausgeführt war und 1252 erstmals urkundlich erwähnt ist. In diesem Zeitraum hat der Ort Wolfskehlen, der ursprünglich „Biblos“ hieß, den Namen seiner Burgherrschaft als Ortsnamen übernommen. 1252 verkauften die Herren von Wolfskehlen die Niederungsburg Neu-Wolfskehlen, an den Erzbischof von Mainz, hielten aber weiter Nutzungsrechte. Allerdings war der Burg kein langes Leben beschieden. Sie wurde vermutlich schon 1301 im Zuge einer Fehde zwischen dem Erzstift Mainz und dem deutschen König Albrecht zerstört.

Gleichzeitig fiel es den den Herren von Wolfskehlen immer schwerer, sich der Grafen von Katzenelnbogen zu erwehren, die zunehmen in ihre Grafschaft eindrangen und sich dort Besitz und Rechte aneigneten. 1368 und 1441 mussten sie zunehmend die Lehensherrschaft der Katzenelnbogener anerkennen und ihnen zwei Drittel das "Centgerichtes" übertragen.

Als Letzter seines Geschlechtes starb Hans von Wolfskehlen 1505. Seine mutmaßliche Tochter Barbara von Wolfskehlen (1501–1545), deren Mutter bereits aus dem Geschlecht der Freiherren von Gemmingen entstammte, heiratete im Jahr 1518 Eberhard von Gemmingen zu Bürg, wodurch die Familie von Gemmingen Besitz in Wolfskehlen erlangte und dort die Reformation einführte.

Schließlich trat 1579 auch Kurmainz seine Rechte an die Landgrafen von Hessen ab, die bereits zuvor die Besitzungen der im Mannesstamm ausgestorbenen Katzenelnbogener übernommen hatten.

Nördlich der Burg lag die sogenannte „Hofstatt“, der dazugehörige Wirtschaftshof, der wohl weiter existierte und von dem noch heute Teile in der alten Bebauung zu erkennen sind. Durch einen urkundlichen Übertragungsfehler wurde daraus der heutige Flur- und Straßenname „In der Hochstadt“. Ursula Fraikin berichtete, dass in späterer Zeit auch ein Teil des Burghügels abgetragen und zur Verfüllung von „Moorlöchern“ zwecks Gewinnung von Ackerland genutzt wurde. Dabei erhielten die bei den Arbeiten eingesetzten Bauern das Recht, das so gewonnene Gelände von der Landesherrschaft zu kaufen.

Jörg Lotter vom archäologischen Verein „terraplana“ berichtet anschließend über die archäologischen Untersuchungen des Bugplatzes. Obwohl dieser bei den alten Wolfskehlern bekannt war, und Ältere berichteten, dass sie noch an der „Burg“ gespielt und dort auch noch einige Steinquader gesichtet hätten, galt seine Lage gegenüber der Landesarchäologie als unbekannt. Erst nach Hinweisen auf einen kastellartigen Bau an dieser Stelle und der Bitte des Landesamtes an Herrn Lotter, den Platz auf Anzeichen für ein mögliches römische Kastell zu untersuchen, kam es zur archäologischen Begehung. Die brachte allerdings mittelalterliche Scherben zum Vorschein.

Daraufhin wurde die Untersuchung des Platzes in das Projekt „Niederungsburgen“ des archäologischen Vereins „terraplana“ aufgenommen und im Juli 2014 wurden die ersten geophysikalischen Untersuchungen vorgenommen. [siehe auch]

Mit Hilfe neuerer Technik der archäologischen Flugprospektion, bei der noch Höhenunterschiede von wenigen Zentimetern erfasst werden, weil der Bewuchs wie Gras, Bäume oder Sträucher später am Computer weggerechnet werden kann, konnte eine quadratische Kastellanlage mit einfachem Wohnbau und einem weiteren Bau sowie einem Turm im Nordwesten lokalisiert werden.

Zusammen mit terraplana-Mitgliedern und einer Fachfirma wurden die Befunde auf einer Teilfläche von 4000m² Mithilfe geophysikalischer Tiefenmessungen ergänzt. Dabei zeichneten sich die Umrisse der Umfassungsmauer und Gebäudestrukturen allerdings nicht, wie bei im Boden erhalten gebliebenen Fundamentresten üblich, scharfkonturig, sondern eher verschwommen ab. Die Erklärung dafür ist darin zu finden, dass in späteren Zeiten wie oft üblich die Mauern und Gebäudeteile der Ruine Stück für Stück abgetragen und als Baumaterial an anderer Stelle wieder verwendet wurden. Dabei wurden mit der Zeit wohl auch die Fundamente ausgegraben und einer Wiederverwendung zugeführt. Die unscharfen Bodenstrukturen rühren von dem beim Abbruch liegen geblieben Mörtel, für den es keine Verwendung gab.

Erbaut waren die Gebäude und die Umfassungsmauern in dem sumpfigen Untergrund auf einer Gründung aus Eichenpfählen und einem darüber liegenden Pfahlrost. Adelheid Reinhard berichtete, dass bei Trockenheit einer dieser im nassen Untergrund erhaltenen Pfähle auf der heutigen Wiese zum Vorschein kam und man ihn zusammen mit dem Landwirt geborgen habe.

Von den Gebäuden der wohl vor der eigentlichen Burg gelegenen Vorburg lassen sich in den geophysikalischen Profilen allerdings keine Hinweise finden. Dies lässt sich damit erklären, dass diese wohl nur in Holz und Lehm ausgeführt waren und vergangen sind. Im Mittelalter war es noch nicht wie in späterer Zeit üblich, dass Fachwerkbauten auf Steinfundamente aufgesetzt wurden, sondern die eichenen Schwellbalken lagen direkt auf dem aus gestampftem Lehm bestehenden Boden.

Abschließend gab „terraplana“ Vorstandsmitglied Brigitte Schmid anhand von Scherbenfunden und Darstellungen historischer Bekleidung einen Einblick in das Leben der damaligen Burgbewohner. Gekocht wurde mit einfachem Tongeschirr, der sogenannten grauen Ware, aus der auch ein Teil der Trinkbecher und Schüsseln bestand. Daneben gab es Schüsseln, Löffel und Becher aus Holz. Dies gilt wohl Großteiles auch für die Herren der Wolfskehler Burgen, die vielleicht noch einige Gefäße aus Metall oder gar Glasbecher besaßen. Nur die ganz hohen Adelsfamilien konnten sich in größerem Umfang edles Tafelgeschirr leisten.

Die Bekleidung bestand in der Regel aus einer so genannten „Cotte“, von der sich heute noch der Name „Kittel“ ableitet. Bei der „arbeitenden Bevölkerung“ war diese kürzer, etwa bis zur Höhe der Knie, bei höheren Herren auch darüber und bei Frauen bis zum Boden. Das langärmlige Kleidungsstück war nach unten hin weit geschnitten, bei Reitern vorne und hinten geschlitzt, und wurde im Halsausschnitt entweder von einer Brosche oder durch einfache Schnürung zusammengehalten. Darunter trugen die Männer Beinlinge, die mit Schnüren an einem Leibgürtel befestigt waren, die sogenannten „Hosen“. An den Füßen trug man außerhalb des Hauses über den Beinlingen Schuhe. In der Regel waren die Stoffe aus Leinen oder Wolle gewebt, und die Kleidung je nach Stand besser ausgeführt und auch mit Borten oder Stickereien geziert. Bei Bauern und ärmeren Untertanen waren die Stoffe entweder naturbelassen oder in einfachen Grau- und Brauntönen gefärbt. Träger höheren Standes konnten sich auch bunt gefärbte Stoffe leisten, vom Blau aus Färberweid über teurere Farben wie Rot oder Indigoblau.  

Zweite Station: Zum Spätrömischen Hafen in Astheim

Dr. Maurer (mit Hut) erläutert das Grabungsgelände (Foto: Biggi Schroeder)

Rund vierzig interessierte Besucher versammelten sich am Samstag den 30. Juli 2016 zur zweiten Station der History Tour am Schützenhaus außerhalb von Astheim. Um nach eiern Einführung und Begrüßung von MdB Gerold Reichenbach sich im gemeinsamen Fußmarsch entlang abgeernteter Felder zum Ausgrabungsgelände am Randes des Schwarzbaches zu begeben. Dort berichtetet Dr. Thomas Maurer (M.A.) vom Institut für Archäologische Wissenschaften, Abt. II: Archäologie und Geschichte der römischen Provinzen sowie Archäologie von Münze, Geld und von Wirtschaft in der Antike der Goethe-Universität Frankfurt am Main als Hauptreferent über den historischen Zusammenhang die Situation und die Befunde des Ausgrabungsgeländes.

Unter den Gästen begrüßen konnte MdB Reichenbach auch den bekannten Astheimer Hobbyarchäologen Eugen Schenkel, dessen Forschungen und Begehungen wesentlich zur Entdeckung des spätrömischen Burgus mit Schiffslände auf dem Acker am Rande des Schwarzbaches beitrugen. Bereits in den 1970er und 80er Jahren sammelte der Astheimer auf einem Feld nahe dem Schwarzbach mehrere Keramikscherben aus spätrömischer Zeit, also dem 4. und 5. Jahrhundert auf. Neben den Scherben fielen ihm zahlreiche Mörtelbröckchen auf sowie eine deutliche Bodenwelle, die diesen Platz aus der sonst eintönigen Ackerflur heraushob. Schenkels Beobachtungen brachten Archäologen vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt auf die Spur dieser Stelle. Reichenbach berichtete, dass auch der Historiker und Germanist Prof. E.E. Metzner, Schirmherr der „History Tour“ und an diesem Termin leider verhindert, in seinen sprachwissenschaftlichen und historischen Forschungen um die Namensnennung Astheims im Reichsurbar des Klosters Lorsch die Existenz eines ehemaligen römischen Hafens in Astheim namenskundlich vorausgesagt hatte. Es sieht in dem im Lorscher  Reichsurbar  nach der Nennung von Königstädten, Nauheim und Bauschheim genannten „Askmundestein“ die eigentliche Nennung des Siedlungsplatzes Astheims und schließt, dass es ähnlich zu der nach einem „Zullo“ „Zullenstein“ genannten Burg mit Schiffslände an der Weschnitzmündung auch bei Astheim einen nach einem zeitgenössischen Namen benannten „Stein“, also eine römische Burg mit Schiffslände, gegeben haben muss.

Eine im Jahr 2000 erfolgte geophysikalische Prospektion, so Dr. Maurer am Grabungsgelände, erbrachte gleich einen Volltreffer: Im Messbild zeichneten sich deutlich die Grundrisse einer spätrömischen Kleinfestung vom Typ „Burgus mit Schiffslände“ ab. Dabei handelt es sich um turmartige Gebäude, die von einer zur Flussseite hin offenen Mauer umgeben sind, also einen kleinen Hafen (Schiffslände) bilden. Bauwerke dieses Typs kennen wir v.a. aus dem Rheingebiet und von der Donau im heutigen Ungarn. Für gewöhnlich werden Sie in die Regierungszeit des Kaisers Valentinian I. (364-375) datiert, der als letzter römischer Kaiser systematisch die Grenzverteidigung an Rhein und Donau ausbaute. Sie dienten Militärkontingenten zur Aufrechterhaltung der (Fluss-) Grenzkontrolle und waren untereinander über den Rhein verbunden. Meist lagen sie an Altarmen des Rheins oder nahe der Mündung bzw. am Unterlauf kleinerer rechtsrheinischer Zuflüsse. Inwieweit sie auch eine offensive Funktion gegen das ehemalige rechtsrheinische Provinzgebiet einnahmen, ist umstritten. Das hessische Ried war zumindest periodisch auch im 4. Jahrhundert noch unter römischer Kontrolle (man denke etwa an die römische Steinbruchtätigkeit im Felsenmeer/Odenwald).

Dr. Maurer erläuterte den Anwesenden das Grabungsgelände und die durchgeführten Grabungsarbeiten. Dabei konnten die Teilnehmer interessante Details über die Interpretation der Geländeprofile erfahren. Zum einen bezeichnet die leicht merkliche Geländeerhebung auf dem Acker am Rande des Schwarzbaches keineswegs die Stelle, an der die einstige römische Befestigung gestanden hat. Sondern sie ist durch die landwirschaftliche Pflugbearbeitung entstanden, die die noch lange danach exisitierenden Ruinenreste „umrunden“ musste. Die Befestigungsanlage lag also vor der Erhebung.

Zum anderen ist aufgrund der geologischen Beurteilung davon auszugehen, dass an dieser Stelle das Schwarzbachbett in einem alten Rheinarm verläuft, die Stelle also auch direkten Rheinzugang hatte.

Die Ergebnisse der Prospektion, so Dr. Maur, erlaubten eine „chirurgische“ archäologische Ausgrabung „Wir wussten ja aufgrund der Prospektion genau, womit wir es zu tun und wo wir zu graben haben.“ Im Sommer 2003 wurde dann das Bauwerk in kleinen Grabungsschnitten untersucht. Es zeigte sich dabei, dass das ehemals mächtige Mauerwerk bis auf die Fundamente ausgebrochen war. Nur noch kleine Steinchen und Mörtelbrösel blieben übrig. Unter den spätrömischen Anlagen fanden sich Überreste eines Spitzgrabens, der zu einem römischen Übungs- oder Marschlager des 1. Jahrhundert gehören dürfte (in der näheren Umgebung kennen wir weitere solcher temporärer Lager aus Luftbildern).

Überraschend war die Entdeckung eines kleinen frühmittelalterlichen Friedhofs, der sich um den spätrömischen „Turm“ herum erstreckt. Einige der während der Grabung aufgedeckten Körpergräber führten Keramikgefäße und Werkzeuge/Geräte als Beigaben; andere waren beigabenlos. Herausragend ist die überhügelte Bestattung eines Kriegers in einer Holzkammer. Bei dem wohlerhaltenen Skelett lagen eine prachtvolle Spatha mit silbertauschierten Scheidenbeschlägen, eine Lanze mit Widerhaken, ein Schild und ein metallbeschlagener beinerner Kamm. Den Beigaben nach zu urteilen, wurde diese Person wohl im 7. oder 8. Jahrhundert bestattet.

Offensichtlich war die spätrömische Befestigung auch nach Aufgabe der römischen Besatzung genutzt worden. Offenbar diente sie als Anziehungspunkt für eine „einheimische“ Bevölkerung im frühen Mittelalter. Auch dies deckt sich mit den sprachwissenschaftlichen Vermutungen von Prof. E.E. Metzner.

Sicher nach dem 8. Jahrhundert sind keine Bestattungen mehr zu datieren. Zu dieser Zeit sind wohl auch die letzten Reste der römischen Ruine abgetragen worden. Ein Zusammenhang mit dem Bau der Treburer Königspfalz erscheint dabei möglich.

Weitere Hinweise zu den Grabungen siehe auch [hier]

Erste Station: Spätrömische Villa Rustica bei Kelsterbach

Interessiert folgten die Besucher den Ausführungen von Hubert Schöggl (2. v.l.) Foto: © Michael Kapp

Erster Stopp der Tour war am vergangenen Dienstag in Kelsterbach der Besuch der römischen Ausgrabungsstätte „Auf der Steinmauer“.

Rund vierzig interessierte Zuhörer versammelten sich im Steinmauer-Gebiet in Kelsterbach, in dem sich die römische Ausgrabungsstädte befindet. Zusammen mit dem SPD Ortsvereinsvorsitzenden Bürgermister Manfred Ockel begrüßte Gerold Reichenbach die Anwesenden und erläuterte das Thema der diesjährigen History Tour „Stock und Stein“. Während den Germanen die Steinbauweise weitgehend unbekannt war, sie bauten in Holz also mit „Stock“, waren die Römer versierte Steinbaumeister. So waren dauerhafte römische Anlagen und feste Bauten regelmäßig in Steinbauweise, etwa aus Ziegeln, aus „opus caementitium“ einer Form von Gusszement oder aus behauenen Steinen errichtet. Die Überreste dieser römischen Bauten wurden von den umliegenden Bewohnern oft einfach als „Stein“ bezeichnet. Und so weisen viele Flurnamen noch in ihrer Namensgebung auf ehemalige römische Bauwerke hin. Dies gilt möglicherweise auch für die Kelsterbacher Flurbezeichnung „Auf der Steinmauer“, in der das Grabungsgelände liegt.

Anschließend übergab er an die beiden Referenten Hartmut Blaum, Stadtarchivar der Stadt Kelsterbach, und Hubert Schöggl vom Volksbildungswerk Kelsterbach.

Hartmut Blaum führte in die Geschichte der Grabungsstädte ein und erläuterte zunächst die allgemeine Situation im Rhein-Main-Gebiet unter der römischen Herrschaft. Im 2. und 3. Jahrhundert wuchs das Römische Reich auch in die Gebiete östlich des Rheins aus. In diesem Zuge entstanden um Mainz herum zahlreiche römische Siedlungen. Geschützt wurden die rechtsrheinischen Gebiete vom Oberrheinischen Limes, der in unserer Region auf dem Taunuskamm entlang lief und die Wetterau umgriff. Die Region war für die Römer als Versorgungsgebiet für die römische Niederlassung und das Kastell Mogontiacum (heute Mainz) interessant, in dem zwei Legionenstationiert waren. So war die gesamte Region mit römischen Verkehrswegen, Militärstützpunkten und Wirtschaftsbetrieben durchzogen. An mehreren Stellen gibt es Hinweise auf römische landwirtschaftliche Güter, den sogenannten „villa rusticae“.  Und auch in Kelsterbach finden sich römische Steinbauten wieder, von denen heute jedoch nur einige wenige Überreste erhalten sind. So legten Mitarbeiter der Universität Frankfurt zwischen 2004 und 2005 Überreste einer römischen Villa mit angeschlossener Kultstätte sowie eines markanten, fünf Meter tiefen Brunnens frei. 

Hubert Schöggl, der sich intensiv an der Ausgrabung und der Präsentation der Ausgrabungsstädte beteiligte, erläuterte, das diese Kultstädte wohl teil eines solchen römischen Komplexes gewesen sei, dessen Hauptgebäude er in der Kelsterbacher Ortslage oberhalb des Maines vermutet, etwa dort wo auch das spätere Schloss, die „Wolfenburg“ errichtet worden ist. Wie den in der Kultgrube gefundenen Opfergaben, insbesondere der auf drei Enden - die magische Zahl Drei spielte dabei eine besondere Rolle -gekürzten Hirschgeweihen zu entnehmen war, wurde an der Kultstädte wohl dem sogenannten „Hirschkult“ gehuldigt. Schlöggl nimmt an, dass einheimische Bevölkerung weiter im Bereich des römischen Gutes siedelte und wohl auch für dieses arbeitete. So wurden in der Nähe des Schwanheimer Waldes auch Überreste einer Vasallensiedlung gefunden Diese haben wohl auch die Kultstädte genutzt. „Hirschkulte“ spielten bereits in der Keltischen Mythologie eine wichtige Rolle, und so ist davon auszugehen, dass die römische Besatzung bewusst Kulte der einheimischen keltischen und germanischen Bevölkerung in ihre eigenen Kulte übernahm, um so die Bevölkerung in die römische Autorität zu integrieren.

Neben dem sorgfältig in Sandstein gesetzten Brunnenschacht, der bis zu Erdoberfläche erhalten ist und restauriert wurde, findet die daneben liegende Kultgrube besonderes Interesse. Ihr Boden war mit Glimmerstein, mundartlich auch „Katzengold“ genannt, ausgekleidet und schimmerte in ihrer Nutzungszeit goldfarben, was die Kultteilnehmer wohl zusätzlich beeindruckte. Hubert Schöggl mutmaßte, dass die Erbauer der Kultstädte wohl beim ausschachten des Brunnens auf dem Glimmer gestoßen seien und so mit der Auskleidung der Kultgrube eine direkte Verbindung zu dem kultischen Ort zogen. Anlass zu der Vermutung gab ihm die Tatsache, dass in jüngste Zeit in unmittelbarer nähe ein Landwirt beim Bohren eines Brunnens ebenfalls auf Glimmerstein im Kelsterbacher Untergrund gestoßen sei.  

Im Rahmen der Regionalparkroute Rhein-Main wurde die Historische Städte gestaltet und die Umrisse der Steinbauten mithilfe von rot-weißen Pfosten sichtbar gemacht. Bürgermeister Manfred Ockel erläuterte, dass die Stadt Kelsterbach beabsichtige, die historisch interessante Stelle weiter aufzuwerten und besser zugänglich zu machen.

Mehr zur Ausgrabung [hier].